wüste von tabernas

Texas mitten in Europa: die Wüste von Tabernas

Unser Auto kommt auf der breiten Auffahrt am Straßenrand zum Stehen. Staub wirbelt auf. Sonst passiert nichts. Der Amischlitten neben uns ist mit einer dicken Sandschicht bedeckt, genau wie der Pick-up vorm Eingang der rot gestrichenen Raststätte. Zerrissene Flaggen wehen auf dem Dach des Gebäudes und umrahmen ein weißes Cabrio, ebenfalls amerikanischer Marke. Eine der Fahnen ist französisch, die andere europäisch. Ich fühle mich wie mitten in Texas, wie irgendwo auf der Route 66. Dabei stehen wir mit unserem verstaubten Auto in Spanien, am Eingang zur einzigen Wüste Europas.

Die Wüste von Tabernas

280 km² – so groß ist das trockene Gebiet nordwestlich vom Naturpark Cabo de Gata, das von mehreren Bergketten eingekreist und dadurch von sämtlichem Regen verschont wird. Lediglich 200-250 mm Wasser fällt in dieser Gegend jährlich vom Himmel. Vergleicht man das mit meiner Heimat in Norddeutschland, scheine ich aus einem Monsungebiet zu kommen. Wer hier lebt, muss die schwierigen Lebensumstände lieben.

Der kleine Ort Tabernas liegt unweit der Route 66-Raststätte und wird von einem auffälligen Tourismus-Büro repräsentiert, das in einer braunen Hütte mit schiefer Holzveranda untergebracht ist. Während ich darauf zu laufe, fühlt es sich an, als würde mein Gang mit jedem Schritt ein wenig breiter und lässiger werden. Ebenso wie in jenen Filmen in denen Clint Eastwood mit gezogenem Colt auf die Western-Bar zuläuft.

Die Hitze ist kaum auszuhalten. Obwohl es fast 8 Uhr abends ist, brennt sie noch immer mit aller Kraft vom Himmel und temperiert die Luft auf trockene 38,9°C. Wir suchen uns den Weg hinauf zu den Ruinen der alten Burg Castillo de Tabernas, die mir als Ausgangspunkt für eine Erkundungstour durch die einzige Wüste Europas vom Tourismusbüro empfohlen wurde.

Vergessene Mauern: Die alte Burg von Tabernas

Die zu einem großen Teil in Ruinen liegende Burg stammt aus dem 11. Jahrhundert und wurde damals von den Mauren auf diesen alles überblickenden Platz gebaut. Natürlich hatte die Auswahl des Ortes hoch oben über Tabernas strategische Gründe und ermöglichte die Kontrolle der natürlichen Wege in ihre Hauptstadt Granada sowie einen weitreichenden Blick über Teile von ihrem Reich Al-Andalús.

Das Panorama, das sich mir von dem kurzen Stück der übrig gebliebenen Mauer der Burg auftut, ist 360°, hügelig und verblichen und dabei überraschend grün. Im Osten eröffnet sich unter mir, an den Ausläufern der Bergkette Sierra de Alhamilla, das Dorf Tabernas, dass vor der kargen Kulisse und den weißen würfelförmigen Häusern ein bisschen an Dörfer in Nordafrika oder an jene im Nahen Osten erinnert. Und irgendwie ist es das auch und dabei gleichzeitig ein Ort in Oklahoma, Texas oder New Mexico. Denn Tabernas und seine sandige Umgebung repräsentieren in über 300 Filmen genau diese abgeschiedenen Dörfer des Westens, des nördlichen Afrikas und der arabischen Wüsten. Szenen unzähliger Spaghetti-Western fanden in dem Ort mit über 3000 Sonnenstunden im Jahr die perfekte Kulisse für Schießereien zwischen Cowboys und hitzigen Verfolgungsjagden.

Europas einzigartige Wüstenlandschaft neben fruchtbarem Naturschutzgebiet

Westlich von mir zieht sich die N-340a geradlinig vorbei und teilt den grüneren Osten mit dem Naturschutzgebiet Sierra de Alhamilla mit seinen Steineichen- und Kiefernwäldern von dem staubtrockenen Westen mit der Halbwüste von Tabernas. Es überrascht mich, wie fruchtbar die Ränder der Wüste zu sein scheinen. Noch kurz vor den sandigen Canyons, in denen man nur vereinzelt grüne Halme aus dem Staub ragen sieht, wachsen üppige Olivenbäume, die das flüssige Gold für die Marke Almazara Castillo de Tabernas liefern.

Wir setzen uns wieder in unser Auto und fahren die N-340a in Richtung Almería. Mittlerweile nähert sich die Sonne bereits gefährlich nahe dem Horizont und taucht die leicht gebogenen Hügel der Wüste von Tabernas in dieses typisch gold-kitschige Licht der Abendsonne. Es scheint geradezu als wolle sie der ausgeblichenen, halbtoten Landschaft mit ihren intensiven Farben neues Leben einhauchen.

drehorte am cabo de gata

Sergio Leone und die Magie seiner Spaghetti-Western

Bereits nach wenigen Minuten Fahrt eröffnet sich zu unserer rechten eine Schotterpiste, die durch ein rostiges Tor führt und mit einem überdimensionierten, gelben Schild angepriesen wird: „Fort Bravo – Texas Hollywood – Cinema Studios“ steht in großen Buchstaben darauf. Sie ist eine der Westernstädte mit den typischen Holzhäusern und schwingenden Türen, die den nordamerikanischen Westen aus den 1950er Jahren mitten in Andalusien aufleben lässt. In Fort Bravo wurden genau wie in Western Leone und Oasys MiniHollywood diverse Blockbuster gedreht, deren Spirit man heute vor ihren Kulissen nachempfinden kann.

Für den Western-Hype bin ich zu jung, allerdings bin ich seit meinem Besuch auf dem Friedhof Sad Hill in der Provinz Burgos von dem Regisseur Sergio Leone und seinen Spaghetti-Western fasziniert. In einer Zeit, in der von Globalisierung noch keine Rede war, wurde er als Italiener für seine amerikanischen Western belächelt. Dabei sind seine Techniken und Ideen herausragend gewesen und Clint Eastwood wurde dank seiner Filme berühmt.

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Einen Stopp wollte ich mir vor der Rückfahrt nach Rodalquilar unbedingt noch ansehen. Kurz nach dem Themenpark Oasys MiniHollywood sollte es auf der linken Seite der Straße einen Ausblick über das Flusstal vom Fluss El Grillo geben. Wie überall in der Wüste von Tabernas wurden auch dort diverse Filmszenen gedreht, da das Tal mit seinen faltigen, sandigen Hügeln und dem knöchelhohen vertrockneten Kraut wie ein Canyon in Texas aussieht.

Wir hielten auf einem kleinen Schotterweg und ich nahm meine Kamera, um bis zur Treppe Escalera Ruta El Cautivo vorzulaufen. Sie führt hinunter in das Tal und ist der Startpunkt für einige Wanderungen durch die Wüste von Tabernas, die man vielleicht nicht gerade im August, aber an anderen Spätnachmittagen des Jahres unternehmen sollte, um die Wüste in all ihrer Schönheit wahrzunehmen. Die Sonne war mittlerweile hinter den Hügeln verschwunden und tauchte sie in ein melancholisches, blasses lila. Die Treppe führte in Zigzacklinien hinunter in das ausgetrocknete Flussbett, das sich dank der letzten Wassertropfen des Grillo mit seinen dunkelgrünen Gewächsen vom Rest der Umgebung abhob.

Ich schloss für einen Moment die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war ich mir sicher nicht in Andalusien, sondern mitten in Texas zu stehen.

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